Die soziale Vergeschlechtlichung und die Ordnung der Geschlechterverhältnisse stehen in engem Zusammenhang mit den gesellschaftlichen Machtverhältnissen, die ihrerseits nicht unabhängig von den Produktionsverhältnissen zu verstehen sind. Allerdings wird der integrative Zusammenhang von Machtverhältnissen, Geschlechterverhältnissen und Produktionsverhältnissen in der sozialwissenschaftlichen Geschlechterforschung oft kaum hinreichend berücksichtigt. Von der klassischen Patriarchatskritik über vielfältige Varianten der Genderforschung bis zum radikalen Dekonstruktivismus führt dies zu zahlreichen Verkürzungen, die den analytischen wie den kritischen Gehalt dieser Perspektiven unterminieren.
Der Vortrag soll zunächst die Bedeutung einer intensiven wissenschaftlichen Begriffsarbeit auch und gerade für eine treffende und wirksame Kritik der genuin kapitalistischen Produktions-, Macht- und Geschlechterverhältnisse herausarbeiten. Davon ausgehend wird ein Überblick über Potenziale und Defizite zentraler Perspektiven der sozialwissenschaftlichen Geschlechteranalyse und -kritik gegeben. Abschließend wird ein flexibles Analyseraster zur Diskussion gestellt, dass es erlauben soll, den Zusammenhang von Geschlechter-, Macht- und Produktionsverhältnissen präziser zu fassen. Dabei wird die These entwickelt, dass die Funktionslogiken und Dynamiken der kapitalistischen Produktionsweise immanent widersprüchliche Wirkungen auf die Geschlechterverhältnisse haben. Einerseits nutzen sie überkommene Formen der Vergeschlechtlichung und der patriarchalen Machtverhältnisse, um die (vom Standpunkt der Kapitalverwertung) ‚toten Kosten’ der gesellschaftlichen Reproduktionsarbeit (im Sinne der Wert-Abspaltungskritik) auf Frauen abzuwälzen. Dies befördert die Reproduktion und Vertiefung überkommener Geschlechterverhältnisse und die Ausbildung immer neuer ideologischer und legitimatorischer Begründungen, die zur Ausformung der modernen heteronormativen Zweigeschlechtlichkeit beitragen. Andererseits und zugleich zwingt die kapitalistische Produktion zur zunehmenden Einbeziehung weiblicher Lohnarbeitskraft in die kapitalistische Wert(ab)schöpfung und subsumiert vormals subsistenz- oder hauswirtschaftlich organisierte Tätigkeitsfelder unter die Logik der Kapitalverwertung. Damit unterminiert der Kapitalismus überkommene Modi der vergeschlechtlichenden Arbeitsteilung und die an sie geknüpften Geschlechter- und Machtverhältnisse und kann emanzipatorische Bewegungen begünstigen und integrieren, die auf eine Auflösung dieser Verhältnisse drängen – ohne freilich die für ihre wirkliche Überwindung vorausgesetzte alternative Organisation der gesellschaftlichen Produktions- und Austauschbeziehungen leisten zu können.
Ob und inwiefern ein solches Modell geeignet ist, heterogene sozialwissenschaftliche Befunde und Analyseperspektiven zu integrieren und zugleich die Suche nach wirksamen politischen Strategien in den gegenwärtigen Konstellationen kapitalistischer Vergesellschaftung zu unterstützen, soll Gegenstand der Diskussion sein.

Tino Heim