Die Zeitschrift Questions féministes erschien ab 1977 in Paris unter der Leitung von Simone de Beauvoir bis 1980, ab 1981 bis heute erscheinen
nach einem Zerwürfnis die Nouvelles Questions Féministes. Sie sind die zentrale Publikation des materialistischen Feminismus in Frankreich.
Autorinnen wie Christine Delphy, Nicole Claude Mathieu, Collette Guillaumin und Monique Wittig setzen in zahlreichen Artikeln die von
Beauvoir begonnene Befragung der Konstruktion von Geschlecht fort. Dabei entwickelten sie ein radikal anti-essentialistisches und
anti-naturalistisches Verständnis von Geschlecht, das als Effekt sozialer Verhältnisse verstanden wird, deren Grundlage die Ausbeutung
der Arbeit der “Klasse der Frauen” classe des femmes bildet. Im Verständnis des materialistischen Feminismus entsteht Geschlecht erst
in und durch dieses Ausbeutungsverhältnis – das Ausbeutungs-verhältnis baut nicht auf einer vorgänglichen natürlichen Zweigeschlechtlichkeit
auf, sondern Unterdrückung und Ausbeutung bringen Zweigeschlechtlichkeit (als dichotomisches Geschlechter-verhältnis) hervor. Die Unterscheidung von Hetero- und Homosexualität bei Normalisierung ersterer und Pathologisierung und Sanktionierung letzterer spielt, so die
materialistische Analyse, für die ideologischen Absicherung des Unterdrückungsverhältnis eine entscheidende Rolle. Folglich kann
Zweigeschlechtlichkeit nur in Relation zu Heterosexualität als einem sozialen System verstanden werden.
Im deutschsprachigen Raum ist diese Spur der Weiterentwicklung des Beauvoirschen “On ne naît pas femme, on le devient” bislang kaum
wahrgenommen worden, was nicht zuletzt dem Fehlen von Übersetzungen geschuldet ist. Seit einigen Jahren gibt es den Plan, grundlegende Texte französischer materialistischer Feministinnen in einer Anthologie unter dem Arbeitstitel “Differenz als Herrschaftsverhältnis. Materialistischer
Feminismus in Frankreich” auf deutsch zugänglich zu machen. Das Projekt kam bisher nicht zur Veröffentlichung. Im Workshop möchte ich als eine
der beteiligten Übersetzerinnen mit euch Ausschnitte der deutschsprachigen Übersetzung von Christine Delphys „Penser le genre“ –
„Geschlecht denken“ (1991) und eventuell Colette Guillaumins „Le corps construit“ – „Der hergestellte Körper2 (1992) lesen und diskutieren.
Schwerpunkt des Workshops ist die gemeinsamen Erkundung der Texte. Vorwissen in materialistischer Theorie ist dabei nicht erforderlich,
unterschiedliche Wissenshorizonte der Teilnehmenden werden die Gespräche bereichern. Lust auf gemeinsame Textarbeit sollte mitgebracht werden.

Fragen dabei können sein:
Was macht feministischen Materialismus (französischer Prägung) aus?
Welche Perspektive eröffnet die materialistische Analyse auf gesellschaftliche Unterscheidungspraktiken und Machtverhältnisse?
Welche Perspektiven eröffnen Analysen der Materialistinnen wie “le genre construit le sexe” Das soziale Geschlecht bringt das biologische
Geschlecht hervor (Mathieu 1982), “le genre précède le sexe” Das soziale Geschlecht ist dem biologischen Geschlecht vorgängig (Delphy 1991)?
Wie verhalten sie sich zu Judith Butlers Annahme “sex has always been gender” (Butler 1990)?
Wie können Normen und Machtverhältnisse in ihrer Verknüpfung gedacht werden?
Welche materialistischen Spuren enthält das Denken von Judith Butler und Beatriz Preciado?
Wie und wo treffen Diskurs und Struktur, Bedeutungen und soziale Verhältnisse aufeinander?

Lese- und Hörtipps (DE/ EN) für Interessierte:
Cornelia Möser: Aspekte der Gender-Debatte in Frankreich und Deutschland, 2007
Cornelia Möser: Über die Erfindung des Gleichheits- und des Differenzfeminismus
Leonard/ Adkins: Sex In Question – French Materialist Feminism, 1996
Beatriz Preciado: Kontrasexuelles Manifest, aus dem Französischen von Stephan Geene, Katja Diefenbach und Tara Herbst, b_books, Berlin 2004