Archiv für Mai 2013

Zum Thema Barrieren und Hürden auf dem Camp

English

Wir hätten gern, dass an unserem Camp alle teilnehmen können, die an den Inhalten interessiert sind. Wir wissen aber auch, dass dem nicht so ist. Orte sind nicht nur physisch, sondern auch sozial strukturiert. Es gibt verschiedene Barrieren (strukturelle Hindernisse) und Hürden, die Partizipation verhindern. Die Beseitigung dieser Barrieren ist keine Privatangelegenheit von Einzelpersonen, sondern eine Aufgabe aller (bzw. wenn es um dieses Camp geht vor allem Angelegenheit der Vorbereitungsgruppe).
Unser Anspruch in den Vorplanungen des Camps war der, so viele Barrieren wie möglich zu beseitigen, denn Barrierearmut bedeutet für uns auch einen Abbau von Herrschaft.

Uns geht es mit diesem Text weder darum irgendetwas zu entschuldigen, weil bestimmte Barrieren immer noch vorhanden sind, noch darum, unser Camp als besonders barrierefrei zu labeln (denn das ist es nicht). Es geht darum Ideen und einen Teil des Auseinandersetzungsprozesses festzuhalten. Zum einen für uns, damit wir mehr Aspekte für zukünftige Planungen von Anfang an berücksichtigen können. Dann aber auch für andere Gruppen, die Veranstaltungen planen wollen, als Anregung bestimmte Dinge auszuprobieren, von vornherein mit zu denken und umzusetzen.

Bei der Suche nach einem geeigneten Ort für das Camp war es uns wichtig, dass dieser rollstuhlgerecht ist. Auf einer Internetseite zu Gruppenunterkünften wurde uns die Burg Lohra als “rollstuhlgerecht” empfohlen. Erst sehr spät wurde in der Auseinandersetzung mit dem Verwalter des Objektes klar, dass dieses Prädikat fälschlicherweise vergeben wurde. Wir hofften dennoch mit einigen Rampen etc. genügend Veränderung schaffen zu können. Nun haben wir es endlich geschafft die Burg zu besichtigen und mussten feststellen: Rollstuhlgerechtigkeit = Fehlanzeige. Das Gelände ist teilweise uneben, einige Treppen sind viel zu steil, viele Türen zu schmal, die Toiletten zu klein, die Duschen nicht ebenerdig und ebenfalls zu schmal. Dieses Ergebnis gefällt uns nicht. Wir haben es versäumt die Örtlichkeit vor Vertragsabschluss zu besichtigen, um sie hinsichtlich möglicher Barrieren zu prüfen.

Einen weiteren Arbeitsschwerpunkt legten wir auf das Übersetzen für Menschen, die wenig oder kein Deutsch sprechen. Bei den Übersetzungen von Texten, die im Vorfeld des Camps veröffentlicht wurden (Ankündigung etc.), konnten wir auf einige hilfsbereite Menschen zurückgreifen, die sich im Zuge unseres Hilfsgesuches bei uns gemeldet haben. Danke an dieser Stelle an euch alle für die Unterstützung! So wurde es möglich gemacht, dass es bereits viele Texte in mehreren Sprachen gibt.
Noch konnte nicht alles übersetzt werden, wir sind aber weiterhin bemüht hier zumindest das Englische zu vervollständigen.
Auf dem Camp werden noch Menschen gebraucht, die eine sogenannte Flüsterübersetzung übernehmen würden. Wir hoffen, dass durch diese alle Menschen, die zum Camp kommen, eine Übersetzung erhalten können.Falls ihr so eine Übersetzung anbieten könnt und wollt, freuen wir uns, wenn ihr euch bei uns meldet.

Für Menschen, die wenig oder nicht hören, werden zwei Dolmetscher_innen für Deutsche Gebärdensprache zum Camp kommen. Sie werden gemeinsam Workshops, Vorträge und Plena dolmetschen können. Außerdem werden alle Telefonnummern, die wir im Vorfeld des Camps veröffentlichen auch per SMS erreichbar sein. Falls es weitere interessierte Dolmetscher_innen gibt, wären wir sehr erfreut, wenn sie sich bei uns melden würden.

Ein weiteres Feld der Auseinandersetzung war das Thema “Leichte Sprache”. Es zeigte sich schnell, wie “kompliziert” Leichte Sprache sein kann, insbesondere, wenn es darum geht sehr komplexe Themen umzuformulieren. An dieser Stelle waren wir überfordert und nahmen deshalb von diesem umfassenden Anspruch Abstand.

Es gibt immer wieder Diskussionen, die sich um Akademisierung von feministischen Kreisen drehen. Wir sind der Meinung, dass es wichtig ist, Themen differenziert zu analysieren und zu diskutieren. Genauso wichtig ist es aber auch Inhalte möglichst verständlich (!) für möglichst viele zu thematisieren.
Um dies umzusetzen bieten wir zu bestimmten Themen Einführungsveranstaltungen an. Zusätzlich gibt es ein Glossar, in dem wir versucht haben einige Begriffe, die häufig in Diskussionen vorkommen, zu erklären.

Eine weitere Hürde auf Veranstaltungen kann eine fehlende Kinderbetreuung darstellen. Für uns ist es insbesondere im Kontext eines feministischen Camps wichtig, dass Verantwortlichkeiten in der Kinderbetreuung keine Selbstverständlichkeit (“Frauensache”, Kleinfamilie) sind.
Mindestens eine Person wird sich durchgängig für die Betreuung von Kindern verantwortlich fühlen, jedoch wäre es schön, wenn sich auch noch andere Menschen dafür auf dem Camp fänden.

Wir wissen, dass wir als Veranstalter_innen Barrieren und Hürden unbeabsichtigt mitproduzieren und wir womöglich nicht einmal ansatzweise alles mitgedacht und leider auch nicht umgesetzt haben. Einiges ist aus finanziellen Gründen gescheitert, aber vor allem haben wir gemerkt, dass viel an der Prioritätensetzung liegt und daran wieviel Zeit und Energie man als Gruppe aufwenden kann und möchte.
Wir wissen, dass in dem Sinne nicht alles optimal verlaufen ist, hoffen aber dass zumindest die Vorhaben auf dem Camp gut umgesetzt werden können. Wir freuen uns hinsichtlich dessen auf Anregungen, Kritik und weitere Unterstützung.

Umgang Miteinander

Wir freuen uns auf ein entspanntes und spannendes Camp mit vielen großartigen, rücksichtsvollen und sensiblen Menschen. In einer idyllischen Umgebung wollen wir uns kritisch mit einander und Gesellschaft auseinandersetzen.
Grundsätzlich wünschen wir uns ein respektvolles Miteinander, gegenseitige Rücksichtnahme und gemeinschaftliche Übernahme von Verantwortung. Wir wollen, dass sich alle Menschen wohl fühlen und frei entfalten können, ohne dabei die Grenzen Anderer zu verletzen, auch wenn diese nicht immer offensichtlich sind.
Es geht um ein richtigeres Leben im Falschen.

Diskriminierung und die Verletzung persönlicher Grenzen sind alltägliche Praxis in unserer Gesellschaft. Deshalb kann nie ausgeschlossen werden, dass unangenehme Situationen auftauchen.
Auf diese muss dann reagiert werden, damit das Camp zu einem möglichst angenehmen und sicheren Raum werden kann. Diese Reaktion sollte jedoch nicht planlos oder willkürlich verlaufen und darum haben wir uns Gedanken zum Umgang miteinander gemacht.

Prinzipiell ist für uns eine Grenze überschritten, wenn auf dem Camp menschenverachtende Einstellungen vertreten werden. Diesen werden wir keinen Raum bieten.
Wir differenzieren zwischen verschiedenen Handlungen: Ein Übergriff oder eine diskriminierende Beleidigung ist für uns etwas anderes als die leichtfertige Benutzung eines Begriffs mit diskriminierenden Implikationen. Wie wir mit solchen Vorfällen umgehen, werden wir anhand der konkreten Situation entscheiden. Wenn Menschen sich allerdings grundsätzlich gegen einen respektvollen Umgang miteinander wehren, werden wir sie des Camps verweisen.

Priorität hat für uns die Achtung persönlicher Grenzen. Wann eine solche Grenze überschritten ist und ob und wie Unterstützung nötig ist, können nur die davon betroffenen Menschen selbst entscheiden. Die Definitionsmacht darüber, was einer Person passiert ist, liegt allein bei ihr.

Was gerade bei Sommercamps immer wieder zu Auseinandersetzungen führt, ist der Umgang mit Nacktheit. Menschen haben aus unterschiedlichsten Gründen keine Lust, ungefragt nackte Körper sehen zu müssen. Das gilt insbesondere in Bezug auf nackte Oberkörper von Männern*, welche gesellschaftlich akzeptiert sind. Dies führt häufig dazu, dass viele Männer* schnell ihr T-Shirt ausziehen, wenn es warm ist. Auf der anderen Seite kann ein Sich-Ausziehen auch bestärkend sein, zum Beispiel für Frauen* oder Trans*Personen, die sonst in der Öffentlichkeit ganz anderen Blicken oder Sprüchen ausgesetzt sind. Deshalb haben wir uns entschieden, keine allgemeine Regel zum Umgang mit Nacktheit zu formulieren. Wir möchten euch aber bitten, diese Problematik zu bedenken und nicht leichtfertig einfach mal das Shirt auszuziehen.

Das Thema Begehren ist ein weiteres Spannungsfeld – sich kennenlernen, quatschen, einander näherkommen, flirten ist voll schön, solange dies auf gegenseitigem Einverständnis beruht. Im Allgemeinen wäre es ideal, wenn alle Handlungen auf einem von allen jeweils Beteiligten vereinbarten Konsens basieren. Einmal signalisiertes Einvernehmen kann in späteren Situationen nicht automatisch vorausgesetzt werden.

Diskussionen und Streitgespräche sind wichtig und erwünscht, jedoch angenehmer ohne dominantes Redeverhalten.

Für den Fall, dass es auf dem Camp dennoch zu Diskriminierungen oder Grenzverletzungen kommt oder du dich aus anderen Gründen unwohl fühlst, haben wir uns folgende Möglichkeiten überlegt:

Unterstützung
Die Unterstützer_innen sind für dich da und unter folgender Telefonnummer erreichbar: 01577-77 13 102

Wie die Unterstützung aussehen kann, entscheidest nur du selbst – wir machen nichts, was du nicht möchtest.
Als Grundsätze gelten für uns dabei Vertraulichkeit und Parteilichkeit.
Es wird auch englischsprachige (+ X) Unterstützer_innen geben.

Transformativ arbeiten
Unsere Priorität ist die Unterstützung von Menschen, die von Grenzverletzungen, Diskriminierung und /oder Gewalt betroffen sind. Dennoch ist unser Anspruch, die verletzende Personen darin zu unterstützen, ihr Verhalten zu reflektieren und zu ändern. Uns ist jedoch bewusst, dass während der Dauer des Camps keine umfassende Reflexion angestoßen werden kann. Dies liegt in der Hauptverantwortung der verletztenden Person selbst und ihres Umfeldes.

Safer Spaces
Das gesamte Camp soll ein „safer space“ (sichererer, geschützterer Raum) sein. Zudem wird es jedoch noch spezielle geschützte Räume geben:

Drinnen
Es wird von Freitag bis Montag auf dem Camp zwei Räume geben, die wir als Safer Space bezeichnen. Diese Räume befinden sich im “Weißen Haus”, in der zweiten Etage und sind mit Schildern gekennzeichnet. Hier kannst du dich zurückziehen. Alleine sein, oder nur mit den Menschen die du gerade bei dir brauchst.

Draußen
Es wird auf dem Camp ein Zelt geben, welches immer zugänglich ist. Auch hierhin kannst du dich zurückziehen oder in einer ruhigen Atmosphäre Infomaterial zu Awareness und Unterstützung lesen.

Weitere Räume
Gesellschaftliche Herrschaftsverhältnisse haben Auswirkungen auf Räume. Um denen etwas entgegenzusetzen, kann es sinnvoll sein, Räume ausschließend zu gestalten.
Derzeit ist schon ein Frauen_schlaf- und -sanitärbereich entstanden.

Hausrecht
Das Hausrecht während des gesamten Camps obliegt der Gruppe e*vibes.

Kritik
Wir möchten mit unseren Gedanken zu „Umgang miteinander“ zu einer entspannten und respektvollen Atmosphäre auf dem Camp beitragen. Wir versuchen, unsere Grundsätze und Vorgehensweisen möglichst transparent zu machen. Falls es zu Unmut oder Kritik kommt, werden wir einen Rahmen bieten, um diese gemeinsam zu diskutieren.

In diesem Sinne – lasst uns ein richtigeres Leben im Falschen versuchen.

Das * soll die gesellschaftliche Herstellung von „Männern“ und „Frauen“ sichtbar machen.